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Fall 3: Goethesturm

Weimar, 2007. Hendrik Wilmut könnte es gut gehen. Er ist anerkannter Goetheexperte, glücklich verheiratet und seine Espressomaschine läuft einwandfrei. Doch an ruhige Herbsttage ist in Weimar nicht zu denken. Nach der Intendantenwahl am Nationaltheater verschwindet eine Schauspielerin. Dann geschieht ein Mord. Hendrik ist wieder mittendrin in einem Fall und Goethes »Clavigo« scheint der Schlüssel zu sein.

ISBN 978-3-8392-1330-8
Gmeiner-Verlag, Meßkirch
Ladenpreis: 11,90 €
Taschenbuch, 244 Seiten
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Welche Art Kriminalroman ist Goethesturm?

Ein Kriminalroman ist Literatur, aber auch Literatur kann zu einem Kriminalroman werden. Ein bekanntes Werk der deutschsprachigen Literaturgeschichte steht im Mittelpunkt von Bernd Kösterings Romanen. Dieses Bezugswerk spielt oft eine zwielichtige Rolle: Es kann der Auslöser eines Verbrechens sein und die Ermittler vor Rätsel stellen, es kann aber auch helfen, den Fall zu lösen und wird damit zu des ›Pudels Kern‹. Die Ermittler müssen es nur zu interpretieren wissen. Wenn diese sich dann noch im Leben des jeweiligen Schriftstellers auskennen, sind sie auf der richtigen Spur.

Leseprobe

Prolog
Bis zu den Ereignissen dieser Herbsttage hatte ich ganz selbstverständlich angenommen, Freundschaft sei etwas Alltägliches. Etwas, das einfach da ist und keine besondere Beachtung verdient. Seit meiner Jugendzeit waren mir viele Klassenkameraden, Studien- und Arbeitskollegen begegnet, die ich als Freunde hätte bezeichnen können. Die längste und intensivste Freundschaft verband mich mit meinem Cousin Benno Kessler. Aber noch nie zuvor war mir der Gedanke gekommen, eine Freundschaft könne etwas Entscheidendes sein. Etwas, das ein ganzes Leben lang hält – vielleicht sogar noch länger.

1 . Kapitel: Weimar, Theater-Café
... Diskussion über die Generalprobe eines Theaterstückes ...
Während der Intendant und der Regisseur sich bedankten, tauchte plötzlich ein Mann neben Hanna auf. Ich hatte
ihn nicht kommen sehen, auf einmal stand er da, groß und gerade, wie aus dem Boden gewachsen. »Gnädige Frau, das haben Sie hinreißend gesagt. Ich bewundere Ihre Gabe, die Natur der Dinge mit wenigen Worten zu benennen!«
Damit nahm er Hannas Hand und gab ihr einen angedeuteten Handkuss. Übertriebene Eifersucht zählte sicher nicht zu meinen Eigenschaften als Ehemann, aber irgendwie gefiel mir diese Szene nicht. Und auch Hanna war das Getue um den Handkuss sichtlich unangenehm. Der Unbekannte machte eine kleine Verbeugung. »Ich darf mich vorstellen: Reinhardt Liebrich. Ist es gestattet, dass ich mich zu Ihnen geselle?«
Benno sah ihn erstaunt an. »Herr Liebrich, was … ich meine, was machen Sie denn hier?«
»Nun, Verehrtester, ich vernahm zufällig vom Nebentisch Ihre interessante Diskussion und als Theatermensch
kann ich mich dem natürlich nicht entziehen, ich bitte um Vergebung, falls ich ungelegen komme.«
Dabei sah er Hubertus von Wengler an. Dieser machte eine seltsame Handbewegung, irgendetwas zwischen Einladung und Abwehr. »Nun dann, Reinhardt, setz dich bitte!«
Direkt neben Benno war noch ein Stuhl frei. Der Eingeladene nahm Platz. Er hatte extrem kurz geschnittene grau melierte Haare und trug eine Nickelbrille. Sein Verhalten zeigte keinerlei Anzeichen von Unsicherheit.
»Ich darf Ihnen Reinhardt Liebrich vorstellen«, sagte von Wengler, »wir haben vor einigen Jahren in Leipzig zusammengearbeitet, er ist auch … er ist Theaterregisseur. Zuletzt hatte er ein Engagement am Frankfurter Schauspiel.«
Hanna und ich sahen uns kurz an. Etwas Unangenehmes lag in der Luft und sie schien es ebenso zu spüren wie ich. Während sich Liebrich und von Wengler über ihre gemeinsame Zeit in Leipzig unterhielten, stand ich auf, um zur Toilette zu gehen. Benno warf mir einen Blick zu. Wir trafen uns im Vorraum am Waschbecken.
»Was ist das denn für ein komischer Vogel?«, fragte ich.
Benno nahm seine Goldrandbrille ab und putzte sie ausführlich mit einem Papierhandtuch. »Du weißt doch, dass sich im Frühjahr fünf Leute auf den vakanten Posten des Generalintendanten beworben hatten. Liebrich ist
einer der abgelehnten Bewerber.«
Ich pfiff leise durch die Zähne. »Donnerwetter!«
Benno nickte.
»Und jetzt setzt der sich einfach so mit an unseren Tisch?«, fragte ich.
»Na ja, immerhin scheint er von Wengler zu kennen, aber besonders glücklich finde ich das nicht. Zumal …«
Er zögerte. Ich bedeutete ihm mit einem Handzeichen, weiterzusprechen.
»Na ja, der Kultusminister als Vorsitzender des Theater-Aufsichtsrats hat versucht, massiven Druck auf die
anderen Mitglieder auszuüben. Liebrich sei ja so erfahren, gerade mit Goethes Bühnenstücken und so weiter.
Keine Ahnung, was da los war. Mich hat das sehr gestört, zumal mein Verhältnis zum Kultusminister sowieso angespannt ist. Jedenfalls habe ich die anderen Aufsichtsratsmitglieder überzeugt, die Unabhängigkeit des Deutschen Nationaltheaters zu wahren.«
»Und daraufhin fiel er durch?«
»Richtig. Ich denke, das hat ihn sehr getroffen. Offensichtlich war er ziemlich sicher, den Posten zu bekommen, er war sogar schon mit seiner Lebensgefährtin von Frankfurt nach Weimar umgezogen, eine Frau Hartmannsberger oder so ähnlich, auch eine Theaterschauspielerin.«
»Redet der eigentlich immer so?«
»Liebrich?« Benno lächelte. »Ja, der redet immer so. Die meisten verspotten ihn deswegen. Auf manche übt
es aber eine gewisse Faszination aus.«
Ich sah ihn fragend an.
Er drehte sich um. »Wir sollten jetzt besser wieder hineingehen.«

Die Diskussion an unserem Tisch hatte sich inzwischen auf Frau Appelmann verlagert, die immer noch nicht erschienen war und – unter Berücksichtigung der Uhrzeit – wohl nicht mehr kommen würde. Wahrscheinlich hatte sie wichtigere Artikel zu schreiben.
»Nun, dann wird sie wohl nicht in den Genuss kommen, ihre Gedanken zu dieser hochlöblichen Generalprobe
an die Öffentlichkeit zu bringen«, sagte Liebrich.
Benno sah ihn erstaunt an: »Das klingt ja so, als seien Sie auch bei der Generalprobe gewesen?«
»Selbstverständlich, Verehrtester!«
»Wie bist du da hineingekommen?«, fragte Hubertus von Wengler.
»Aber Hubertus, einem Freund des Generalintendanten kann doch niemand den Zugang verwehren. Es ist mir
nicht darum zu tun, Vorteile aus dieser Sache zu ziehen, ich wollte mich nur dem reinen Kunstgenuss hingeben.«
Von Wengler lehnte sich zurück. »So, unser ›Clavigo‹ hat dir also gefallen.«
»Selbstredend. Mit solch einer Leistung muss euch in der neuen Theatersaison nicht bange sein, das wage ich hier und jetzt zu weissagen. Ein Clavigo, der durchdringt, der sein Zaudern zwischen Berühmtheit und edler Gesinnung spüren lässt. Eine Marie, deren Herz bebt, man möchte geradezu mit ihr zusammen aus der Fassung geraten. Und ein Beaumarchais, dessen treue Sorge um seine Schwester nicht aufgesetzt wirkt, nicht der Lächerlichkeit preisgegeben ist, nein, ehrlich zeigt er sich, für jedermann im Zuschauerraum erlebbar, man spürt das Blut gleichsam durch seine Adern rinnen, man möchte den Degen bald selbst in die Hand nehmen und zustechen. Meine Gratulation!«
Martin Feinerts Handy klingelte. Er nahm ab, hörte kurz zu und sagte: »Nein, noch nicht.« Danach legte er
wieder auf. »Und Carlos?«, fragte er umgehend in Liebrichs Richtung.
»Nun, ich in Person kann mich nur schwerlich in die Durchtriebenheit dieser Figur versetzen«, antwortete der
Angesprochene. »Aber ohne Zweifel eine schätzenswerte Leistung.«
Die Lage hatte sich etwas entspannt. Ich bestellte einen Espresso, Harry Hartung seinen vierten Cognac. Während der Kellner die Getränke servierte, klingelte erneut Feinerts Mobiltelefon. Diesmal wirkte er deutlich nervöser, als wäre etwas Unvorhergesehenes passiert. Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her, stieß sogar beinahe den Kamillentee um. Dann flüsterte er seinem Intendanten ein paar Worte ins Ohr, nahm seine Jacke und verließ das Café. Durch die Fenster sahen wir ihn in Richtung Bühneneingang des Theaters verschwinden. Wir versuchten, weiter über die Generalprobe zu diskutieren, doch auf seltsame Weise waren alle unkonzentriert. Ich merkte es selbst an mir, ich sprach, ohne mich wirklich auf das Gesagte zu fokussieren, sah ab und zu nach draußen und verlor meine Gesprächspartner immer häufiger aus dem Blick. Nach wenigen Minuten kam Feinert zurück, verweilte vor dem Café, erstaunt sah ich ihn dort mit Oberbürgermeister Peter Gärtner reden, den er wohl zufällig getroffen hatte, bis Hubertus von Wengler aufsprang und zu den beiden hinausging. Eine hitzige Debatte schien entstanden zu sein. Schließlich stürmte Martin Feinert herein und rief dem Kellner zu: »Der Chef zahlt!«, dann rannte er in Richtung Theater davon. Hubertus von Wengler kam wieder an unseren Tisch zurück. Er ging sehr langsam, ich hatte sogar den Eindruck, er schwankte ein wenig. Hinter ihm erschien der Oberbürgermeister. Die Gespräche verstummten. Der Intendant setzte sich schwerfällig. Peter Gärtner nahm neben ihm Platz, dort, wo zuvor der Regisseur gesessen hatte. Alle starrten Hubertus von Wengler an. Er leerte sein Rotweinglas in einem Zug. Dann setzte er es vorsichtig ab, drehte es am Stil ein paarmal um die eigene Achse und sagte: »Frau Pajak wird wohl nicht mehr kommen. Sie ist spurlos verschwunden!«
Ich war überzeugt, dass im Moment keiner von uns wirklich verstand, was das bedeutete. »Herr von Wengler,
was meinen Sie denn mit spurlos verschwunden?«
Der Intendant starrte auf sein Glas. »Sie hat das Theater nach der Generalprobe verlassen«, antwortete er. »Eigentlich wollte sie hierher ins Café kommen. Seitdem ist sie … weg. Unauffindbar. Verschollen.«
»Nun ja«, meinte Benno, »vielleicht hatte sie doch keine Lust mehr, mit uns zu reden, und ist direkt nach Hause
gegangen. Könnte man ja verstehen.«
Hubertus von Wengler schüttelte heftig den Kopf. »Nein, nein, ihr Ehemann hat die Suche ja überhaupt erst in Gang gesetzt, er wollte sie anrufen, aber ihr Handy war ausgeschaltet, was sehr ungewöhnlich ist. Sagt er jedenfalls. Dann hat er unseren Pförtner angerufen, der wiederum Herrn Feinert. Frau Pajak ist nicht zu Hause, sie ist auch nicht hier und nicht bei ihrer Freundin. Herr Feinert und zwei Kollegen suchen gerade das gesamte Theater ab. Ich weiß nicht …« Er stockte.
»Was meinen Sie?«
»Ich habe ein ganz ungutes Gefühl, so als sei ihr … etwas zugestoßen.« Er fuhr sich mit der Hand über die schweißnasse Stirn. »Wir müssen die Polizei einschalten!«
»Herr von Wengler, ich bitte Sie …«, der Oberbürgermeister sprach ruhig und bedächtig. »Es muss ja nicht gleich etwas passiert sein. Außerdem sind erst zwei Stunden vergangen, da kann die Polizei noch nichts unternehmen. Das löst sich bestimmt bis morgen wieder auf.«
Der Intendant zog seine Augenbrauen hoch. »Aber wenn nicht, dann habe ich am Samstag keine Besetzung
für die Marie. Und das bei meiner ersten Premiere in Weimar!«
»Gibt es denn keine Zweitbesetzung?«, fragte Hanna.
»In diesem Fall schon, nur … Frau Kirschnig ist leider erkrankt.« Er stockte.
»Hoffentlich nichts Ernstes?«, fragte Sophie. Offensichtlich wollte sie die Lücke ausfüllen, die von Wenglers Zögern hinterlassen hatte. Ich vermutete auch ein gewisses berufliches Interesse. Sophie arbeitete als Oberärztin im Weimarer Krankenhaus.
»Nein, nein«, antwortete der Generalintendant nachdenklich, »nichts Schwerwiegendes, eine Grippe. Sie muss aber liegen, die Premiere wird sie auf keinen Fall spielen können.«
Es blieb lange still. Dann erklang eine Stimme aus der gegenüberliegenden Ecke, dort, wo Benno saß. Ich drehte mich um. Reinhardt Liebrich. »In dem Bemühen zu helfen, habe ich, auch wenn mein Seelenzustand angesichts des Verschwindens von Frau Pajak dies kaum zulässt, doch einen Vorschlag zu unterbreiten. Dana Hartmannsberger ist in der Stadt, sie hat die Marie durch Zufall soeben am Frankfurter Schauspiel gegeben. Sie könnte die Rolle noch am selbigen Tage übernehmen.«

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Danksagung:

Ich danke meiner Ehefrau und meinen beiden Töchtern für ihre ehrliche und hilfreiche Beurteilung des Urmanuskripts, dem Gmeiner-Verlag, insbesondere Sven Lang, der nach dem Lektorat so erschöpft war, dass er einen längeren Urlaub antreten musste, meinem Expertenteam Leitender Kriminaldirektor a. D. Peter Ingenerf und Rechtsanwalt Sascha Loubal, meinem Korrekturteam Daniela und Daniel, die so lange auf das Manuskript warten mussten, dass sie inzwischen ein Kind bekamen – Glückwunsch!, der Autorenkollegin Helga Dreher aus Weimar, die mir den Namen ihrer Protagonistin Alma Winter lieh, und Christoph Heckel, Schauspieler am Nationaltheater Weimar, der mich in die Geheimnisse der Theaterwelt einweihte und sich als Echtfigur für diesen Roman zur Verfügung stellte – eine echte Bereicherung. Mein besonderer Dank geht posthum an Ursula Koch, die mich mit ihrer starken und bestärkenden Art seit meiner Schulzeit bis zum 25. März 2012 begleitet hat.

Presselinks:
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Leseland Hessen 2013: >HIER<
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